Physiotherapeuten: Selbstausbeuter an der Massagebank

Posted by theblogartist at April 4, 2013

Category: Gesundheit & Wohlfühlen

Tags: , , ,

Blockierte Wirbelsäule, Schmerzen im Gelenk? Der Nacken steif, die Schultern verspannt? Wenn der Bewegungsapparat schwächelt, ist Hilfe meist nicht weit: Spätestens an der übernächsten Straßenecke gibt es eine Physiotherapie: Dienstbare Fachkräfte für Körpermobilität bitten dort die Gepeinigten auf ihre Pritschen, erfragen das Befinden und eliminieren mit geübten Handgriffen Blockaden und Verhärtungen. Ihr Netz ist dicht geknüpft: In deutschlandweit mehr als 36.000 Praxen dienen Therapeuten der Beweglichkeit. Die Branchenbücher sind voll, in manchen Stadtvierteln gibt es mehr Physio-Praxen als Bäcker, Apotheken oder Drogeriemärkte.

Auch in dörflichen Regionen ist der Bedarf groß, weil der Landarzt die alternden Patienten gern zur Krankengymnastik schickt, wenn das Budget gerade nichts anderes zulässt. So wird in Deutschlands Physiotherapien gegen Rezept oder Bares mobilisiert, eingerenkt, gekräftigt, gelindert – oft unter Zuhilfenahme von Ultraschall und Wärmepacks. An sechs Tagen pro Woche, für gestresste Vielarbeiter gern auch bis in die Abendstunden hinein.

Das Wohlgefühl des Patienten beim Verlassen der Pritsche ist Ergebnis einer knallharten Kalkulation – zulasten der Therapeuten. Die Praxen müssen aufwändig um Kunden werben – mit großen Lettern an den Fensterscheiben und einem breiten Therapieangebot von Massage, Lymphdränage und Krankengymnastik über Manuelle Therapie und Osteopathie. Hinzu kommen Geldbringer-Produkte wie Ölgüsse, Hot-Stone- oder Honig-Mandel-Massagen.

Fortbildung am Wochenende, montags wieder zum Patienten

Doch die Ausbildungsstellen vermitteln angehenden Physiotherapeuten davon kaum etwas. Obwohl die Fachschüler bis zu 350 Euro im Monat zahlen, erwerben sie den Großteil ihres Könnens erst nach ihrer Berufsausbildung – ebenfalls auf eigene Kosten, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Neben vielen Wochenendkursen für 250 bis 300 Euro sind Manuelle Therapie und Lymphdränage am häufigsten nachgefragt – beides sind unverzichtbare Fertigkeiten für alle, die einen Job wollen. Svenja Brackmann, angestellte Physiotherapeutin in Berlin, schob nach der Physio-Schule eine Zwei-Jahres-Fortbildung in Manueller Therapie nach – für 3.000 Euro. Einen Kurs in Lymphdränage zahlte zwar das Arbeitsamt, die 37-Jährige nutzte dafür aber die Elternzeit ihres Kindes, um ihre Praxis nicht zu belasten.

Der Wissensdurst ist enorm: Die Weiterbildungspläne der Praxen und Kliniken sind gut gefüllt, manche Physiotherapeutin hat im Jahr nur elf Nettogehälter zur Verfügung, weil sie das zwölfte an Fortbilder überweist. In anderen Branchen übernimmt der Arbeitgeber diese Kosten oder organisiert Seminare intern, weil die Unternehmen davon profitieren. Physiotherapeuten zahlen dagegen selbst – und reichlich, vollständiger Kostenersatz ist nahezu undenkbar. Sie reisen Hunderte von Kilometern zu Kursen, für die sie Erholungsurlaub nehmen oder das Wochenende nutzen. Montag stehen sie dann wieder am Patienten.

„Man muss seinen Beruf richtig gern machen, um diese Opfer zu bringen“, sagt Svenja Brackmann. „Ich fühle mich nach jedem Kurs neu bereichert.“ Sie hat Glück: Ihre derzeitige Chefin zahlt die meisten Fortbildungen, die Praxis im Boom-Bezirk Prenzlauer Berg läuft bestens. Doch das ist die Ausnahme. Während bei Medizinern die entbehrungsreiche Facharztausbildung nach wenigen Jahren endet, ist die Selbstausbeutung bei Therapeuten ein Dauerzustand.

Tilman Steffen

Solches Samaritertum gehört seit Jahren zum Selbstverständnis der Branche: „Physiotherapeuten sind so von ihrem Beruf überzeugt, dass sie ein Maximum an Wissen mitnehmen wollen“, sagt Frank Dudda, Geschäftsführer des Bundesverbands selbstständiger Physiotherapeuten – IFK e.V. „Die Rentabilität steht dabei im Hintergrund.“ Selbstironisch spottet das Weiterbildungsforum auf physio.de über die „Lieblingsbeschäftigung der Physiotherapeuten“. Andere lassen Selbstkritik durchklingen: „Wir sind so blöd, es so zu machen“, sagt ein Gesundheitsarbeiter schroff und frustriert.

Kliniken und Praxen profitieren von dem Wissenszuwachs der Mitarbeiter aber nur wenig, weil durch deren hinzugewonnene Kompetenz kaum zusätzlich Geld in die Kasse kommt. Für eine Manuelle Therapie kann eine Praxis im Bundesschnitt nur 11 Cent pro Minute mehr abrechnen als für eine herkömmliche Krankengymnastik. Die Fortbildung dafür zieht sich aber über drei Jahre hin und kostet bis zu 4.000 Euro. Die bei Schlaganfallpatienten gefragte Bobath-Therapie ist ähnlich teuer, bringt aber sogar noch weniger ein als die traditionelle Krankengymnastik.

Die Tricks der Fortbildungsanbieter

Profiteure sind die Fortbildungsanbieter. Für sie sind die Absolventen ein gewaltiger Markt: In fingerdicken Katalogen offerieren sie Kurse von Atemtherapie bis Sensomotorik. Und stoßen auf reges Interesse: In den Ballungszentren sind die Angebote oft Monate vorher ausgebucht. Denn leitende Physiotherapeuten sind zur Weiterbildung gesetzlich verpflichtet – und die Untergebenen ziehen willig nach. Das stärkt die Nachfrage. 

Trickreich sichern sich Anbieter ihre Einnahmen, indem sie unter einem Dach Schüler ausbilden und Fortbildungskurse anbieten. „Da versuchen Unternehmen in Einzelfällen womöglich, sich spätere Einnahmen zu sichern“, sagt Andrea Heinks vom Verband ZVK. Manch Kursleiter trachtet zudem nach persönlicher Gewinnmaximierung: Statt für den 300 Euro teuren Wochenendkurs schriftliche Seminarunterlagen auszuhändigen, bot ein Referent das von ihm verfasste Fachbuch an, für weitere 70 Euro, wie eine Teilnehmerin berichtete.

Mühsam versuchen die Berufsverbände, den Weiterbildungswahn einzudämmen. Branchenvertreter halten die Anforderungsprofile vieler Stellenausschreibungen für überzogen. Es sei „schon sehr absurd“, was selbst Anbieter von Teilzeit- und Minijobs verlangen, sagt Andrea Heinks vom ZVK. Sie rät Berufsanfängern, zunächst einmal in einer Praxis „Fuß zu fassen“. Bevor sie Kurse für mehrere Tausend Euro buchen, sollten die Therapeuten „gut überlegen, ob sich das rentiert“.

Parallel arbeiten die Verbände an einer Reform der Ausbildung, die wirklich fit macht für den Arbeitsmarkt. „Die Akademisierung ist unser Ziel, weil die Therapie Kompetenzen fordert, die die berufsfachschulische Ausbildung nicht vermittelt“, sagt Heinks. Bisher ist der Anteil der Physiotherapeuten mit Studienabschluss mit etwa 200 pro Jahr verschwindend gering. Zudem versuchen die Physiotherapeuten, ihren Berufsstand gegenüber den Ärzten aufzuwerten. Statt nur Verordnungen auszuführen, wollen sie auch selbst Diagnosen stellen. Denn dafür könnte es bald mehr Geld geben.

Kampf um mehr Rechte gegenüber Ärzten

In Schottland oder den Niederlanden diagnostizieren Therapeuten seit Langem, in Deutschland ist dies ein Monopol der Mediziner. Sobald ein Patient auf der Behandlungspritsche über neue Schmerzen klagt, muss der Therapeut abbrechen und ihn zum Arzt schicken. „Wir kämpfen seit Jahren um den Direktzugang zum Patienten“, sagt Heinks. „Nicht um dem Arzt die Verantwortung zu nehmen, sondern um Patienten schneller und direkter behandeln zu können.“ Doch bisher ohne Erfolg. Wer es sich leisten kann, macht deshalb den Heilpraktikerschein – eine teure und harte Ausbildung. Nach bestandener Prüfung darf man selbst diagnostizieren, allerdings nur Privatpatienten.

Hinzu kommt: Die Einnahmen der Physio-Branche steigen maximal zwei Prozent im Jahr – für Ärzte gilt die Grenze dagegen nicht. „Unter Physiotherapeuten wird verteilt, was die Ärzte übrig lassen“, klagt ein Verbandsfunktionär. Die Therapeuten kämpften bisher vergeblich: Angestrebte Schiedsverfahren mit Kassen und dem Gesundheitsministerium scheiterten bisher an der Zersplitterung der Branche. Eine Unterschriften-Aktion blieb ohne Folgen. Die Politik verweist darauf, dass die Einnahmen der Heilberufsbranche bereits dadurch steigen, weil Ärzte demografisch bedingt immer mehr physische Leiden diagnostizieren. Und hält die Kasse zu.

Den Hauptgrund für die ministerielle Blockade hat die Branche bereits erkannt: „Es gibt einfach zu viele Physiotherapeuten“, sagt Hans Orthmann vom VPT Bayern. „Der Run ist ungebrochen.“ Viele der fast 7.000 jährlichen Absolventen schlagen sich als Freiberufler oder in Teilzeit durch. Ärzte gibt es dagegen zu wenige, vor allem auf dem Land. Ihnen gilt die Aufmerksamkeit der Gesundheitspolitik.

Anna Wachler zieht ihre Konsequenzen

Und so müssen die Therapeuten zusehen, wie die Kassen ihre jüngst aufgelaufenen Milliardenüberschüsse an die Versicherten rückerstatten – veranlasst durch Druck der Politik. Die Therapeuten gingen leer aus. „Statt endlich die Heilberufe zu stärken, macht sich die Gesundheitspolitik zum Anwalt der Kassen“, klagt Verbandsfunktionär Dudda.

Aus dieser unkomfortablen Lage hat Anna Wachler ihre Konsequenz gezogen. Seit die 20-Jährige ihre Ausbildung an einer privaten Dresdner Schule abschloss, studiert sie drei Tage pro Woche in Fulda Gesundheitsmanagement, um einen akademischen Abschluss zu erhalten. Sie überlegt, nebenher zu arbeiten oder sich auch noch zum Rückenschullehrer ausbilden zu lassen. „Sofern ich einen Bildungsgutschein von der Arbeitsagentur bekomme“, sagt sie. Denn die jüngere Generation der Absolventen sieht die Gepflogenheiten der Branche durchaus kritisch: „Wie soll ich denn das Geld für eine Weiterbildung zusammenbekommen, wenn ich in meinem erworbenen Beruf keinen Job finde?“

 

Zuerst veröffentlicht auf:

www.zeit.de/karriere/beruf/2013-03/weiterbildungen-physiotherapeuten-arbeitsmarkt